Pro Audito Schweiz hat eine der ersten Untertitel-Brillen getestet. Wie gut funktioniert sie? Und ist das Produkt für Menschen mit Schwerhörigkeit hilfreich?
Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine ganz normale Brille. 43 Gramm leicht, klassische Form, verfügbar in verschiedenen Farben und mit geschliffenen Gläsern für Sehkorrekturen. Was diese Brille von anderen Brillen unterscheidet? Dank künstlicher Intelligenz (KI) “hört” die Brille gesprochene Sprache und schreibt sie als Text auf, wie es bereits viele andere «Speech to text» Apps können. Das Besondere: Ich sehe den Text mit der Brille direkt vor meinen Augen. So erhalte ich sozusagen «Live Untertitel» für die reale Welt.
Der Praxistest
Die Bedienung erfolgt über die App der Brille. Nach dem Einschalten erscheint in meinem Sichtfeld, etwa zwei Meter entfernt, ein grüner Text. Absolut scharf und auch gut zu lesen. Mein Kollege gegenüber spricht mit mir. Jedes einzelne gesprochene Wort erscheint vor meinen Augen, es funktioniert!
Ein Nachteil: Die Brille hat keine Sprecher-Erkennung. Das heisst, es wird nicht nur die Sprache meines Gegenübers transkribiert, sondern auch meine eigene – das ist eher verwirrend als hilfreich. Zum Glück gibt es Abhilfe. Ich schalte das Mikrofon von der Brille auf mein Smartphone um und gebe das Telefon meinem Gesprächspartner in die Hand. Nun transkribiert die Brille nur noch seine Stimme. Perfekt.
Was im Zweiergespräch funktioniert, stösst allerdings im öffentlichen Raum an seine Grenzen. Wenn viele Personen sprechen, mischt die Brille Gesprächsfetzen bunt durcheinander – die Transkription ist wertlos. Gruppengespräche funktionieren also (noch) nicht.
Auch auf Schweizerdeutsch
Ein besonderes Merkmal der getesteten Brille: Sie versteht Schweizerdeutsch. Mein Gegenüber kann also auch in Dialekt mit mir sprechen und der Text wird auf Hochdeutsch aufgeschrieben. Das funktioniert schon relativ gut.
Der gesprochene Satz: «Wenn ich en Öpfel ässe, tue ich nachher s Bütschgi in Chübel rüehre» wird aufgeschrieben als: «Wenn ich einen Apfel esse, dann tue ich nachher das Apfelbütschgi in den Kübel rühren» . Auch hier ist die Technik noch nicht perfekt. Es ist aber bemerkenswert, dass es bereits funktionierende Sprachmodelle auf Schweizerdeutsch gibt. Viele Apps scheitern momentan noch komplett an Schweizer Dialekten oder können nicht einmal Hochdeutsch.
Die soziale Herausforderung
Normalerweise schaue ich meinem Gegenüber bei einem Gespräch in die Augen oder zum Lippenlesen auf den Mund. Habe ich die Brille auf, lese ich jedoch einen Text – mein Blick wandert also scheinbar ins Leere. Das kann meine:n Gesprächspartner:in irritieren. Zum Beispiel im Tram: Die Leute schauen mich seltsam an, während ich die Untertitel auf der Brille lese, die sie nicht sehen können.
Technische Ausstattung
Der Akku hält bis zu 1.5 Tage, das mitgelieferte Lade-Etui kann die Brille bis zu 2.5 Mal aufladen. Neben dem Transkribieren kann die Brille zum Beispiel auch den Weg auf einer Karte anzeigen oder sogar live in andere Sprachen übersetzen. Für diese und weitere Funktionen benötigt die Brille immer ein gekoppeltes Smartphone mit Internet-Verbindung. Eine Kamera hat die Brille nicht. Die Brille ist mit ungeschliffenen Gläsern ab ca. 600 CHF in der Schweiz bei ausgewählten Optikern erhältlich. Hier finden Sie Verkaufs-Standorte in der Schweiz
Fazit
Die Untertitel-Brille funktioniert meist zuverlässig und kann Menschen mit Schwerhörigkeit oder auch gehörlosen Personen eine grosse Hilfe im Alltag sein. Wer die Brille trägt, muss für eine Live-Transkription nicht das Smartphone herausnehmen, sondern kann die transkribierten Texte direkt im Sichtfeld mitlesen. Im Gruppengespräch oder in einer lauten Umgebungen stösst die Brille allerdings momentan noch an ihre Grenzen.