Weshalb dauert das so lange? Update zu den transparenten Masken

Dienstag, 15. Dezember 20

Jahrelang erkämpfte Chancengleichheit und soziale Teilhabe sind in Gefahr: Seit März 2020 wenden sich immer mehr Menschen mit einer Schwerhörigkeit an pro audito schweiz. Sie verzweifeln an den Nebenwirkungen der Pandemiemassnahmen. Einige bangen um ihren Job. Grund dafür ist die Maske, die zwar vor dem Virus schützt, aber die Teilhabe massiv erschwert.

Erst kam die Maskenpflicht im ÖV, dann an allen Haltestellen, in Bahnhöfen und Flughäfen sowie in Läden, Restaurants, Kultur- und Sporteinrichtungen. Vor wenigen Wochen wurde die Maskenpflicht weiter ausgeweitet. Sie gilt nun auch draussen vor Läden, Restaurants usw. sowie auf Märkten, in belebten Fussgängerzonen, in den Schulen sowie an vielen Arbeitsplätzen, kurz: bald überall. Was tut pro audito schweiz in dieser Situation? Co-Geschäftsleiterin Heike Zimmermann zieht eine Zwischenbilanz.

 

Heike Zimmermann, Co-Geschäftsleiterin

Heike Zimmermann, Co-Geschäftsleiterin

Was macht die Maske zum Problem?

Sie schützt zwar vor dem Virus, aber hinter der Maske verschwinden ein Grossteil der Mimik und das ganze Mundbild. Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung haben keine Chance mehr, von den Lippen zu lesen. Zudem dämpft die Maske den Klang der Stimme, und weil sie beim Reden stört, klingen viele Menschen mit Maske anders, sie nuscheln. Das alles erschwert die Kommunikation. Je stärker die Hörbehinderung, desto grösser das Risiko, sozial ausgeschlossen zu werden und beruflich ins Abseits zu geraten. Viele Betroffene haben sich bei uns gemeldet, wie etwa eine Lehrerin, deren Gehör sich stetig verschlechtert. Sie versteht ihre maskierten Schülerinnen und Schüler kaum noch. Sie befürchtet, ihre Stelle zu verlieren. Oder eine Pflegefachfrau, die ihre Patienten hinter der Maske nicht mehr versteht. Das kann zu ganz schwierigen Situationen führen.

Masken mit Sichtfenster würden das Problem entschärfen.

Transparente Masken ermöglichen das Lippenlesen. Wir haben den Bund schon im April aufgefordert, sich um die Beschaffung, sprich: Einfuhr transparenter Masken zu kümmern.

Hätte pro audito schweiz nicht auch selber solche Masken organisieren können?

Das haben wir gemacht. Aber wir haben weder die finanziellen Mittel, Masken en gros einzukaufen, noch die erforderliche Beschaffungskompetenz, das Knowhow rund um Einfuhr und Verzollung – und was uns ebenfalls fehlt, ist ein Vertriebsnetz. Dennoch haben wir uns hier stark engagiert. Gemeinsam mit der Stiftung A Capella und später auch mit dem Schweizerischen Hörbehindertenverband Sonos haben wir auf dem Weltmarkt nach transparenten Masken gesucht. Wir haben bestellt, was wir gefunden haben, getestet und dem BAG unsere Empfehlung abgegeben.

Wir warten immer noch auf transparente Masken.

Das Ganze ist eine komplexe Geschichte, mit unerwarteten Hürden. Es vergingen mehrere Monate, bis uns der Bund konkrete Unterstützung bei der Maskenbeschaffung anbot. Und es wurde September, bis sie uns mitteilten, dass sie die von uns empfohlenen Masken zu beschaffen versuchen. Versucht haben sie es bei einer – leider ohne Erfolg.

Wie hat pro audito schweiz reagiert?

Wir haben neue Vorschläge geschickt, erhielten aber keine Rückmeldung. So waren es dann wieder wir und die Stiftung A-Capella, die den Weltmarkt nach transparenten Masken absuchten und Muster bestellten, die Masken ausprobierten, schauten, wie sie sitzen, ob sie anlaufen usw. Wir hatten dann wieder einige Masken, die unsere Kriterien erfüllten.

Dann hatte der Bund eine gute Entscheidungsgrundlage.

Ja, aber beim letzten Gespräch im November kam die Meldung, dass der Bund nur Masken beschaffen könne, die von einer Schweizer Prüfstelle zertifiziert sein. Es seien sehr viele falsch zertifizierte Masken im Umlauf, da müsse der Bund sicher sein, dass er das «Richtige» einkaufe. Die Stiftung A Capella ist dann aktiv geworden, die Zertifizierung der von uns favorisierten Masken voranzutreiben. Die angefragten Prüfanstalten teilten uns aber mit, dass es Zertifizierungsverfahren nur für Stoffmasken gebe und sie für transparente Masken weder eine Norm noch ein Zertifizierungsverfahren kennen würden. Auf unser Drängen hin hat dann eine der Prüfstellen trotzdem geprüft und uns zwar eine gute Rückmeldung zur transparenten Maske gegeben, aber eben keine Zertifizierung. Aktuell hoffen wir, dass der Bund eine Beschaffung dennoch prüft – auch ohne die besagte Zertifizierung.

Also sehen wir in der Schweiz bald transparente Masken?

Wir hoffen, dass wir in den nächsten Tagen ein Etappenziel erreichen und transparente Masken bald in grosser Menge zu einem guten Preis verfügbar sind. Die nächste Herausforderung wird sein, für die transparente Maske Akzeptanz zu schaffen. Getragen werden soll sie ja nicht von Menschen mit einer Hörbehinderung, sondern von deren Gegenüber. Also von der ganzen Schulklasse, nicht von der einzelnen schwerhörigen Lehrerin oder dem einzelnen schwerhörigen Schüler in der Klasse.

Wie stehen dafür die Chancen?

Da werden der Preis und der Vertrieb eine wichtige Rolle spielen. Wo ist die Maske erhältlich? Wie viel wird sie kosten? Hier sind noch viele Faktoren zu klären. Aber wo wir können, leisten wir Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit, an vielen Fronten. Als im Juli die Maskenpflicht im ÖV kam, schrieb das BAG zwar, dass die Kontrolleure und Kontrolleurinnen gegenüber schwerhörigen Fahrgästen die Maske abnehmen dürfen, vergass aber die vielen alltäglichen Situationen ausserhalb des ÖV wie zum Beispiel den Arztbesuch. Wie soll eine medikamentöse Therapie wirksam und sicher sein, wenn ich die Anweisungen des maskierten Arztes kaum verstehe? Es brauchte einige Interventionen von pro audito schweiz und der Stiftung A Capella, bis das BAG Ende Oktober die Maskenpflicht anpasste und die Hörbehinderung ausdrücklich als einen Grund nannte, weswegen maskentragendes Personal und maskentragende Begleitpersonen die Maske in der Kommunikation mit Schwerhörigen «selbstverständlich» (!) abnehmen dürfen. Für diese «Selbstverständlichkeit» mussten wir lange kämpfen.

Was motiviert pro audito schweiz?

Uns motivieren zum einen die Erfolgserlebnisse. Zum Beispiel die bombastische Nachfrage nach der «Ich-höre-nicht-gut»-Maske oder die Ausweiskarte (diese auch in einer Mobile-Version). Diese Erklärhilfen wirken keine Wunder, aber sie stärken Menschen mit einer Hörbehinderung im Alltag. Zum anderen motivieren uns alle, die uns ihre Erfahrungen, Nöte und Ängste schildern, weil die Maskenpflicht sie sozial und beruflich benachteiligt. Wie die bereits erwähnte Pflegefachfrau, deren Antrag um bessere Hörgeräte von der IV im ersten Verfahren abgelehnt wurde, der wir dann aber helfen konnten.

Auf der Wunschliste für 2021?

Am besten wäre, wenn das Virus wieder verschwinden würde oder rasch ein wirksames Mittel dagegen verfügbar wäre. Bis es soweit ist, wünschen wir uns, dass möglichst viele Menschen transparente Masken tragen, die das Lippenlesen ermöglichen. Für Menschen mit einer Schwerhörigkeit ist es elementar, von den Lippen lesen zu können und die Mimik des Gegenübers zu sehen. Und für uns alle wäre es schön, wieder lächelnde Gesichter zu sehen.

 

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