Organisation für Menschen mit Hörproblemen

«Tinnitus und Hörverlust» trifft den Nerv

Über 400 Besucher strömten bei der von pro audito schweiz zum Welttag des Hörens am 3. März 2018 veranstalteten öffentlichen Informationsveranstaltung in den Hörsaal am UniversitätsSpital Zürich (USZ). Sie erfuhren Wissenswertes über die Entstehung, die Behandlung und die erfolgversprechendsten Strategien zur Bewältigung der bisweilen nervenraubenden Ohrgeräusche.


Immer mehr Menschen leiden an einem ständigen Ohrgeräusch und in etwa 80% der Fälle geht mit dem Tinnitus auch eine messbare Hörschädigung einher.

 

Tinnitus entsteht im Gehirn

Warum hört jemand ein Geräusch, das von aussen nicht vorhanden ist? Dieser Frage ging Tobias Kleinjung, Leitender Arzt der ORL-Klinik am USZ, nach. Er erklärte: Wird das zentrale Hörsystem im Hirn infolge eines Hörverlustes mit zu wenig Informationen versorgt, dann passt es sich dieser neuen Situation an. Das Zusammenspiel von Hirnzellen wird umstrukturiert. Daraus resultiert eine Eigenaktivität im Hörzentrum des Gehirns, die auch dann nicht aufhört, wenn es ruhig ist. Das Ohrgeräusch ist geboren. Ein Hörschaden, auch ein noch nicht bemerkter, steht also meist am Anfang des Problems Tinnitus.


Wie man ihm auf den Leib rückt, dafür nannte Kleinjung vier Grundsätze: Ernstnehmen, Zuhören, Aufklären und nicht (negativ) Sensibilisieren. Ebenso bedeutsam sei es, die Hörfunktion der Betroffenen zu verbessern. Denn: Wird das Gehirn wieder mit anderen akustischen Reizen versorgt, steigen die Chancen, den Tinnitus in den Griff zu bekommen.

 

Therapie für hochgradig Betroffene

Rund 1% der Tinnitus-Betroffenen ist schwergradig belastet. Bei ihnen geht der Tinnitus mit einer psychischen Erkrankung, zum Beispiel einer Depression oder Angststörung, einher. «Um dem Tinnitus die Stirn zu bieten, muss man diese sich negativ verstärkenden Kreisläufe durchbrechen», wusste Andreas Schapowal, Präsident der Schweizerischen Tinnitus-Liga.


Hilfreich können dabei pflanzliche Arzneimittel sein, zum Beispiel Ginkgo-Extrakt, Johanniskraut oder Baldrian- oder Hopfenextrakt. Ein Standard-Ansatz zur Bewältigung der psychischen Komponente des Tinnitus ist die Tinnitus-Retraining-Therapie. In acht Sitzungen lernen Betroffene Stressmanagement, Aufmerksamkeitsumlenkung und Entspannung mit dem Ziel, ihre Erkrankung anders zu bewerten. In der Schweiz bietet die  Tinnitusklinik Chur schwergradig Betroffenen die Möglichkeit, sich während eines 3- bis 6-wöchigen Aufenthaltes ihrer Erkrankung zu stellen und das innere Gleichgewicht wiederzufinden.

 

Noiser macht den Tinnitus erträglich

Jan Eilers hat sich als Hörgeräte- und Tinnitusakustiker auf die Begleitung von Tinnitusbetroffenen spezialisiert. Er erzählte von seinen Erfahrungen mit der Noiser Therapie: «Ein zweites Geräusch, zum Beispiel ein angenehmes Rauschen, wird über den Tinnitus gelegt, aber nicht so, dass der Tinnitus verschwindet. Das Ziel: Durch den angenehmen Noiser gelingt es nicht mehr, den unangenehmen Tinnitus herauszuhören.» Die Anpassung eines Noisers, den es übrigens auch in Kombination mit einem normalem Hörgerät gibt, dauert meist drei bis vier Termine, die gesamte Therapie bis zu drei Jahre.

 

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